Vier Spieler, vier Sessions pro Partie. Ein Tisch, zwei Finalplätze. Eine qualitativ auf höchstem Niveau ausgetragene WM nähert sich dem Showdown — man muss jeden bemitleiden, der abgeschaltet hat, als der Titelverteidiger ausschied, und damit stellenweise Snooker der Extraklasse versäumte.
Maximal 33 Frames trennen die vier Bewerber vom Finale, 17 davon müssen sie für sich entscheiden, um Sonntag und Montag um die begehrteste Trophäe im Snooker zu kämpfen. Werfen wir einen Blick auf die Anwärter.
Shaun Murphy
Saisonverlauf
Murphy ist sowohl im offiziellen als auch im Provisional Ranking die Nummer 3. Nach einem erschreckend schwachen Saisonstart konnte er relativ überraschend die UK Championship gewinnen und scheiterte danach zweimal im Viertelfinale.
Turnierverlauf
Nach einem zerfahrenen Einstieg gegen Andrew Higginson (10-8) machte Murphy mit Marco Fu kurzen Prozeß (13-3). Gegen Stephen Hendry brauchte es Beharrlichkeit, unterstützt durch das Maximum, welches Hendry Konzentration gekostet haben dürfte.
Prognose
Murphy wurde 2005 völlig überraschend als ungesetzter Spieler Weltmeister. Diesen Titel will er unbedingt bestätigen — und die Chancen stehen in diesem Jahr nicht schlecht, wenn er weiterhin den Nebenkriegsschauplatz Privatleben komplett ausblenden kann.
John Higgins
Saisonverlauf
Der Schotte (offiziell und im Provisional Nr. 5) sammelte in der laufenden Saison mit Abstand die meisten Ranglistenpunkte, und das obwohl er die Bahrain Championship auslassen musste. Er gewann den Grand Prix und stand bei den China Open im Finale.
Turnierverlauf
Einem deutlichen Erstrundensieg gegen Michael Holt (10-5) folgten zwei Matches über die volle Distanz (13-12) gegen Jamie Cope und Mark Selby. In beiden Partien sah Higgins lange nicht wie der Sieger aus, konnte jedoch schlußendlich die berühmte „Schippe drauf legen“ und siegte. Auch ihm könnten gegen Cope die Störungen durch Vorfälle im Publikum geholfen haben.
Prognose
Higgins ist der erfahrenste Halbfinalist, bereits zwei Mal konnte er den WM-Titel holen (1998 und 2007). Das macht ihn zum Favoriten, bedeutet aber auch, dass die Erwartungen an ihn hoch sind. Zudem wird entscheidend sein, wie gut er sich von seinen zwei Marathonmatches erholen konnte.
Neil Robertson
Saisonverlauf
Der Australier (offiziell und im Provisional Nr. 10) startete ebenfalls schwach, bekam dann aber durch seinen Sieg in Bahrain Aufwind und sammelte fleißig Ranglistenpunkte. Im Halbfinale stand er in diesem Jahr bereits bei den Welsh Open.
Turnierverlauf
Gegen Veteran Steve Davis gelang Robertson in Runde 1 der deutlichste Sieg insgesamt bei dieser WM (10-2). Auch gegen Ali Carter und Stephen Maguire fielen die Ergebnisse (jeweils 13-8) relativ deutlich aus.
Prognose
Robertson ist in blendender Form, hat zu alter (Offensiv-)Stärke zurück gefunden und lässt seinen Emotionen am Tisch im richtigen Moment freien Lauf. Allerdings war es für ihn im Turnier noch nie wirklich eng — fraglich, wie er eine solche Situation psychisch lösen würde. Allerdings dürfte er angesichts seiner formidablen WM vor Selbstvertrauen nur so strotzen.
Mark Allen
Saisonverlauf
Auf und ab. Allen (offiziell Nr. 16, Provisional Nr. 14) holte vier Mal nur „seeded loser points“, ist daher der einzige WM-Halbfinalist, der in dieser Saison noch keine 20.000 Ranglistenpunkte sammeln konnte. Allerdings kam er bei den verbleibenden Turnieren stets mindestens ins Viertelfinale.
Turnierverlauf
Einem 10-6 zum Auftakt gegen Martin Gould ließ der Nordire zwei Siege mit 13-11 gegen Titelverteidiger Ronnie O’Sullivan und Ryan Day folgen, überzeugte dabei mit offensivem, schnellen Snooker und überdeutlichem Selbstvertrauen.
Prognose
Auch Allen strotz nur so vor Selbstbewußtsein, scheint zudem sein berüchtigtes Temperament viel besser im Griff zu haben als zuvor. Andererseits ist er klar der Unerfahrenste im Bunde — die WM wäre sein erster Sieg bei einem Ranglistenturnier. Eine Frage der Nerven?
Versuch eines Fazits
Vier Sessions, drei Tage, zwei Entscheidungen. Zweimal Form gegen Erfahrung, zweimal ein Ex-Weltmeister gegen einen Spieler, der zum ersten Mal im Finale stünde.
Das Können haben alle vier, Allen und Robertson werden zudem angetrieben von Form und Euphorie — aber wird das reichen? Wie kommen die beiden „Frischlinge“ damit klar, dass nur noch ein Tisch im Crucible Theatre steht? Können die „alten Hasen“ ihnen den Wind aus den Segeln nehmen? Normalerweise kann Erfahrung im Crucible viel retten. Fest steht nur, dass uns 2 Halbfinal-Partien auf höchstem Niveau zwischen (hoffentlich) ebenbürtigen Gegnern bevor stehen …